Nürnberg, 28. September 2026
1. Teil:
„Was hilft Brillen- und Humboldt-Pinguinen?“
„Warum Pinguine zählen?“
„Von der Vorhersage zur Vorbereitung von Schutzmaßnahmen“
„El Nino – Einfluss auf Brutaktivität und -erfolg von Humboldt-Pinguinen“
Vom 31.08. bis 04.09.2026 fand die 12. Internationale Pinguinkonferenz in Phillip Island, Australien statt, auf welcher auch Sphenisco e.V. mit verschiedenen Beiträgen vertreten war. So hielten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Dr. Ursula Ellenberg (1) und Dr. Alejandro Simeone (2) Vorträge, in welchen sie Forschungsergebnisse zum Bestand, Bruterfolg und Nahrungssuche vorstellten, die von Sphenisco e.V. (mit Hilfe der Artenschutz-Stiftung Zoo Karlsruhe, des Zoo Dresden und des Vereins der Freunde des Tierparks Hagenbeck e.V.) gefördert wurden und werden.
Isa Karbstein und Volker Eggert (Gründungsmitglieder von Sphenisco e.V.) gaben in Form einer Posterpräsentation (3) einen Überblick über die Arbeit von Sphenisco e.V. Dabei wurden auf dem Hintergrund der kritischen Entwicklung der Population Forschungsergebnisse zur Populationsdynamik sowie die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit von Acorema, Peru, und der Fundación Sphenisco Chile vorgestellt und eingeordnet.
Bereits vor dem eigentlichen Konferenzbeginn fand ein Pre Conference Workshop „What works for banded penguins? Translating science into effective conservation for African and Humboldt penguins“ statt (4), mit dem Ziel, Forschende und Naturschutzpraktiker zusammenzubringen, um die bisherigen Erkenntnisse über Spheniscus-Pinguine – mit besonderem Fokus auf Afrikanische Pinguine und Humboldtpinguine – zusammenzuführen.
Vereinbart wurde u. a. die Gründung einer internationalen Arbeitsgruppe zum Schutz von Pinguinen der Gattung Spheniscus, um den kontinuierlichen Austausch, die gemeinsame Nutzung von Daten und koordinierte Schutzmaßnahmen über Ländergrenzen hinweg zu fördern. Sphenisco e.V. konnte im Rahmen der Konferenz Kontakte mit der Mitausrichterin des Workshops, Dr. Susana Cárdenas-Alayza, Peru knüpfen. Auch Dr. Alejandro Simeone, Chile, sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche zu den Afrikanischen Pinguinen forschen, werden vertreten sein.
Nach der Begrüßung durch die Ausrichtenden startete die Konferenz am Abend des 30.08. mit einer „Ice Breaker“ - Veranstaltung zum gegenseitigen Kennenlernen, Networking und dem Knüpfen von Kontakten. Erste Gespräche fanden statt z. B. mit Dr. Susana Cárdenas-Alayza, Peru (s.o. „Gründung einer internationalen Arbeitsgruppe“), Robin Cristofari, Universität Helsinki (Austausch zu eventuellen Möglichkeiten der „Bestandsunterstützung“ durch Eier bzw. Küken von Humboldt-Pinguinen aus Zoos) oder auch Cecilia Durán Gafo und Aurora Fernández Durán, Chile zu ihren Erfahrungen beim Artenschutz und politischer Arbeit im Rahmen der „Reserva Natural Pingüino Rey“ in Feuerland.
Im Folgenden berichten Isa Karbstein und Volker Eggert, welche Sphenisco e.V. vor Ort vertraten vom Ablauf, vorgestellten Forschungsergebnissen und diskutierten Schutzmaßnahmen zu Pinguinen (siehe IPC12 – Programm) mit einem besonderen Fokus auf Vorträgen und Erkenntnissen zum Humboldt-Pinguin.
Tag 1, 31.08.2026
Nach einer „Welcome to Country & Smoking Ceremony“ begann der erste Konferenztag mit einer halbstündigen „Keynote Presentation“ von Prof. Hugh Possingham.
Er thematisierte hierbei die interessante und auch etwas „provokante“ Frage „Why count penguins?“ (5). Die zentrale Botschaft des Beitrags lautete: Pinguine zu zählen darf kein Selbstzweck sein. Bevor man ein Monitoringprogramm startet, sollte klar sein, warum die Daten erhoben werden und wie diese Informationen später zu besseren Schutzmaßnahmen, Managemententscheidungen oder politischen Maßnahmen beitragen sollen. Nur dann kann Monitoring seinen größtmöglichen Nutzen für den Pinguinschutz entfalten.
Zur Bewertung der Sinnhaftigkeit von Monitoringprogrammen - auch in Abgrenzung zu konkreten Schutzmaßnahmen - in Anbetracht begrenzter Ressourcen stellte Prof. Possingham eine Checkliste mit 15 Gründen für Monitoring bereit, die eine transparente Argumentationsgrundlage, eine bewusste Programmgestaltung sowie eine klare Verbindung zwischen den erhobenen Monitoringdaten und verbesserten politischen oder managementbezogenen Entscheidungen unterstützt. Diese Checkliste kann auch für zukünftige Entscheidungsfindungen von Sphenisco e.V. bezüglich zu fördernder Projekte herangezogen werden. Also z. B. dann, wenn zu entscheiden ist, ob bei einem gegebenen begrenzten finanziellen Budget z. B. eine Monitoring- oder eine konkrete Schutz- bzw. Unterstützungsmaßnahme, ein Bildungsprogramm oder … gefördert werden soll.
Eine Vielzahl weiterer Vorträge und Präsentationen zu verschiedenen Pinguinarten, Themen und Forschungsergebnissen folgten im ¼ Stundentakt sowie 5-minütige „Lightning Presentations“.
Zum Ausklang des ersten Konferenztages erfolgte eine erste „Poster Session“. Verteilt auf die verschiedenen Räumlichkeiten wurden ca. 100 Poster präsentiert und luden ein zur Information, Diskussion und Austausch zu den Inhalten der Poster.
Das Poster von Sphenisco e.V. fand einen guten Platz im vorderen Bereich der Ausstellung und ermöglichte so die Information von und den Austausch mit Konferenzteilnehmerinnen und Konferenzteilnehmern aus der ganzen Welt. Gespräche mit interessierten Besucherinnen und Besuchern fanden statt, zu den Aufgaben, Kooperationen, Tätigkeiten, der Entstehung und den Erfolgen des Vereins. Es zeigte sich hierbei, dass Sphenisco e.V. bereits in weiten Kreisen - insbesondere der „lateinamerikanischen Pinguin-Community“ - bekannt und geschätzt ist. So gab es Gespräche mit Besucherinnen und Besuchern aus Chile, Peru, Argentinien, aber auch z. B. aus Südafrika, Australien und weiteren Ländern. (siehe Poster als PDF-Datei-Englisch / Poster als PDF-Datei-Deutsch)
Tag 2, 01.09.2026
Auch der zweite Konferenztag begann mit einer spannenden „Keynote Presentation“. In seinem Vortrag „From Prediction to Preparation: Forecasts for Proactive Penguin Conservation“ (6) stellte Dr. Alistair Hobday die jüngsten Fortschritte in der saisonalen Vorhersage vor, die es inzwischen ermöglichen das Risiko mariner Hitzewellen in vielen Regionen der Welt mehrere Monate im Voraus abzuschätzen.
Diese Vorhersagen können zunehmend besser auch die kurzfristige Entwicklung regionaler Reaktionspläne und konkreter Maßnahmen unterstützen, die dazu beitragen können, die Auswirkungen intensiver Hitzewellen zu verringern. Weitergehende Einschränkungen der Fischerei in relevanten Gebieten, das Aufstellen von Nistboxen, das Einsammeln und Ausbrüten verlassener Eier, das Beifüttern von Küken, … könnten Beispiele für solche kurzfristigen Unterstützungsmaßnahmen für Pinguine bei Hitzewellen sein.
Für Pinguinforschende sowie Naturschutzmanager und -managerinnen schaffen Frühwarnungen zudem die Möglichkeit, bei aktuellen temporären Hitzewellen zu lernen, wie in Anbetracht des Klimawandels die Zukunft der Pinguine in 100 Jahren voraussichtlich aussehen wird. So kann bereits heute Feldforschung für eine zu erwartende Zukunft organisiert und mögliche Maßnahmen „getestet“ und Strategien entwickelt werden.
Bei den anschließenden Vorträgen und „Lightning Presentations“ standen neben den Zwergpinguinen v.a. Forschungen zu antarktischen und subantarktischen Pinguinspezies im Vordergrund.
Wenn auch die Gesamtheit der Entwicklungen bei der überwiegenden Mehrzahl der Pinguinspezies mit ihren Rückgängen der Populationen dramatisch ist, gibt es auch „Klimawandel-Gewinner“. So scheinen z. B. Eselspinguine und deren Population in bestimmten Regionen von zunehmender Eisfreiheit zu profitieren. Auch erweisen sich Eselspinguine anpassungsfähiger im Umgang z. B. mit Folgen des Klimawandels als andere Spezies in gleichen Verbreitungsgebieten. Auch Königspinguinen ist es gelungen sich neue Brutgebiete zu erschließen; so etablierte sich z. B. in Feuerland - dank guter Schutzmaßnahmen - eine stabile bis wachsende Kolonie (siehe „Reserva Natural Pingüino Rey“).
Insgesamt sind jedoch die aktuellen Prognosen zu Populationsrückgängen bei den meisten Spezies – so auch zu den Humboldtpinguinen – alarmierend und eine Intensivierung der Anstrengungen zu deren Schutz zwingend erforderlich, wenn deren Aussterben verhindert werden soll.
Im ersten Vortrag „Climate Lags Matter: SST Anomalies Drive Stage-Specific Shifts in Humboldt Penguin Breeding“ (7) speziell zu Humboldtpinguinen stellte Frau Dr. Susana Cárdenas-Alayza, (Peru), Forschungsergebnisse zum Einfluss von Anomalien der Meeresoberflächentemperatur (SSTA) auf Brutaktivität und -erfolg von Humboldtpinguinen an der Küste Perus, insbesondere in San Juan vor. Schwankungen der Meeresoberflächentemperatur, insbesondere während El-Niño-Ereignissen, verändern die Nahrungsverfügbarkeit und beeinträchtigen die Fortpflanzung des Humboldtpinguins.
Dr. Cárdenas-Alayza analysierte einen 25-jährigen Datensatz zur Brutaktivität von Humboldtpinguinen in Peru, einschließlich aktiver Nester, rastender adulter Tiere und Nester mit Küken. Die Ergebnisse zeigten keinen konsistenten langfristigen Trend beim Brutzeitpunkt, aber eine starke zwischenjährliche Variabilität. Beginn und Dauer der Brut bei aktiven Nestern und rastenden Adulten waren signifikant mit SSTA drei bis sechs Monate zuvor verbunden, was die Bedeutung der Umweltbedingungen vor der Brutzeit unterstreicht. Die maximale Zahl der Nester mit Küken zeigte einen negativen Zusammenhang mit wärmeren SSTA drei bis sechs Monate zuvor, was auf einen geringeren Fortpflanzungserfolg unter wärmeren Bedingungen hindeutet.
Das Verständnis dieser Mechanismen ist bedeutsam, um Populationsdynamiken vorherzusagen und Naturschutzstrategien in einer sich rasch verändernden Meeresumwelt zu entwickeln.
Insbesondere der beginnende „Super El-Nino“ 2026 gibt Anlass zu großer Sorge. Erschreckend ist, dass aktuell nicht nur zurückgehende Bruttätigkeiten zu verzeichnen sind, sondern bereits jetzt zu Beginn des El Ninos eine ungewöhnlich hohe Anzahl toter adulter Pinguine gefunden wurde. Kurzfristige, möglichst länderübergreifende Schutzmaßnahmen z. B. durch die Ausweitung von Fischereischutzzonen, werden als dringend erforderlich erachtet.
Neben den Vorträgen bemerkenswert und auf den ersten Blick etwas überraschend war die sehr große Präsenz japanischer Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der Konferenz. Deren Poster beleuchteten neben Forschungsergebnissen auch Gründe für die besondere Popularität von Pinguinen in Japan. Es wurden Schulprojekte vorgestellt oder auch ein Poster, welches die enorme Vielzahl und Verbreitung von Pinguin-Bilderbüchern in Japan und deren Einfluss auf die Bedeutung von Pinguinen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aufzeigte (ein Beleg für den Nutzen von z. B. schulischer Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, wie sie auch von Sphenisco e.V. gefördert wird). Auch der nicht artgerechte Umgang mit Pinguinen in der Vergangenheit z. B. durch das Halten als „Haustiere“ begründet das heutige besondere Interesse an Pinguinen und deren Schutz in Japan.
(Fortsetzung in Teil 2 mit Beiträgen zum Rückgang der Humboldt-Pinguinpopulation in Chile und Peru, News über die Nahrungssuche von Humboldt-Pinguinen, einem Vergleich der Methoden zur Zählung von Humboldtpinguinen und einem Ausblick auf neue Technologien zum Einsatz in der Pinguinforschung)
Volker Eggert und Isa Karbstein
(1) Ellenberg, U. 2026. Living with the enemy: Humboldt penguins appear to defy fisheries and coastal development in central Chile. Presentation IPC12 (siehe „12. Weltpinguinkonferenz – 2. Teil").
(2) Simeone, A. 2026. Declining Humboldt penguins in Chile: trends, possible causes and future perspectives. Presentation IPC12 (siehe „12. Weltpinguinkonferenz – 2. Teil").
(3) Eggert, V., Karbstein, I., Knauf, W. 2026. Conservation of Humboldt penguins – research, environmental, education, advocacy. Poster IPC12-Englisch / Poster IPC12-Deutsch).
(4) McGill, P. 2026. What works for banded penguins? Translating science into effective conservation for African and Humboldt penguins. Pre Conference Workshop IPC12.
(5) Possingham, H. 2026. Why count penguins? Keynote Presentation IPC12.
(6) Hobday, A. 2026. From Prediction to Preparation: Forecasts for Proactive Penguin Conservation. Keynote Presentation IPC12.
(7) Cárdenas-Alayza, S. 2026. Climate Lags Matter: SST Anomalies Drive Stage-Specific Shifts in Humboldt Penguin Breeding. Presentation IPC12.











