zerstörte Eier

Die Wahrheit ist das Ganze

- Mantanza und Artenschutz in Algarrobo, Zentralchile -

Autoren: Gabriele und Werner Knauf, Sphenisco e.V. (1)

Landau 21. Januar 2013. Wir kennen die Insel Pájaros Niños seit vielen Jahren. Seit 1996 haben wir dort fast jedes Jahr Pinguine und andere Vögel von der Mole des Yachtclubs Cofradia Nautica aus beobachtet und gefilmt. Jetzt erreichen uns schlimme Nachrichten aus Algarrobo.

Einseitige Berichte
Wir hören, dass Cofradia Nautica seine Pflichten schwer verletzt und gegen mehrere Gesetze verstoßen hat. Wir hören auch, dass der Zoo Santiago im Rahmen eines Projektes erfolgreich 2 Pinguin-Küken grossgezogen hat. Dazu hat der Zoo mit Genehmigung der Behörden „verlassene“ Pinguin-Eier auf der Insel Pájaros Niños entnommen. Es sollen in der Brutperiode „Herbst 2012“ die einzigen Küken von Algarrobo sein, die überlebt haben. Wir hören nicht von anderen Projekten, die auf der Insel realisiert wurden und noch werden. So haben die Professoren G. Luna (Universidad Católica del Norte, Coquimbo) und A. Simeone (Universität Andrés Bello, Santiago) im März 2012 eine Arbeit über Störungen des Bruterfolges von Humboldt-Pinguinen auf den Inseln Pájaros Niños, Algarrobbo und Pájaros, Nordchile veröffentlicht (2). Wir hören auch nichts vom Projekt „Kunstnester“, in dem ebenfalls Prof. Simeone seit Jahren erfolgreich künstliche Nisthöhlen auf der Insel Pájaros Niños erprobt (3). 

Beweise und Fakten
In einer anonymen Anzeige wird Cofradia Nautica beschuldigt, Eier von Pelikanen, Möwen, Kormoranen und Pinguinen zerstört und Vögel / Pinguine getötet und / oder geschlagen zu haben. Außerdem soll der Yachtclub Abwasser illegal in den Pazifik geleitet und Müll illegal entsorgt haben. Die Fotos, die zum Beweis vorgelegt wurden, zeigen mehrere Männer, vermutlich Mitarbeiter von Cofradia, die Möwen- und Pelikan-Eier zerstören. Zwei von ihnen posieren wie Helden am Leuchtturm auf der Insel. Die Bilder sollen aus dem Frühjahr (November 2011) stammen. Dabei ist zu beachten, dass der anonyme Fotograf mit ziemlicher Sicherheit Mittäter ist, weil anwesend, um die Fotos aufnehmen zu können. Die Bilder zeigen keine Zerstörung von Pinguin-Eiern und Pinguin-Nestern. Die Fotos belegen nicht, ob Pinguine geschlagen oder gar getötet wurden. Diese Zerstörungsaktion vom November 2011 hat aber mit Sicherheit auch die Bruten der Pinguine gestört.
Merkwürdigerweise berichtet niemand, wie viele Küken von Pinguinen und anderen Vögeln aktuell auf der Insel sind, um sich ein Bild vom möglichen Schaden machen zu können.

Wir fordern Behörden und Justiz auf, die Vorgänge auf der Insel ohne Ansehen von Personen und Institutionen aufzuklären und bei erwiesener Schuld konsequent zu bestrafen.

Gute Gesetze, schlechte Anwendung
Wir sind irritiert, dass der mutmaßliche Frevel an der Fauna von Algarrobo in engem Zusammenhang mit der erfolgreichen Aufzucht von 2 Humboldt-Pinguinen im Zoo von Santiago gebracht wird. Durch die Art der Berichterstattung wird der Anschein erweckt, dass der Schutz dieser bedrohten Spezies im wesentlichen von den Bemühungen des Zoos in  Santiago abhängt. Wenn der Humboldt-Pinguin vor der Küste von Chile und Peru überleben soll, müssen die Verantwortlichen in beiden Ländern aber viel weitergehende Maßnahmen treffen:
1. Müssten die Fangquoten für Anchovis deutlich reduziert werden, damit die Nahrungsgrundlage der Humboldt-Pinguine verbessert wird. Die Überfischung des Pazifik verringert seit Jahren  Überleben sowie Bruterfolg der Pinguine und anderer Seevögel. Sie zerstört außerdem die Existenz der traditionellen Fischer.
2. Wäre es dringend geboten, alternative Fangtechniken und alternatives Fang-Management zu entwickeln und zu erproben. Jährlich sterben viele Pinguine und andere Seevögel in den Fischernetzen (u.a. im Mai 2012 5.600 Seevögel in Zentralchile oder 2009 – über 1000 tote Pinguine in der Nähe der Caleta Queule, Südchile usw. ) und werden als Beifang meist heimlich entsorgt (4).
3. Wäre es erforderlich, dass für bedrohte Meeresvögel wie den Humboldt-Pinguin geschützte Zonen (Meeresregionen und Inseln) geschaffen werden. Gott sei Dank gibt es solche Schutzzonen in Chile und man ist bemüht, sie zu erweitern. Aktuell ist in der Region Coquimbo, in der Nähe des Nationalen Schutzgebietes des Humboldt-Pinguins, das 80% der Gesamtpopulation dieser Vogelart beherbergt, eine große Meeresschutzzone beantragt (5).

Wir bitten alle, denen die Bewahrung dieser Spezies am Herzen liegt, diese Pläne in Nordchile zu unterstützen und nichts unversucht zu lassen, um diese Meeresschutzzone zu realisieren.

Chile ist in vielfacher Hinsicht ein phantastisches Land, mit sympathischen Menschen und imposanter Natur. Chile hat gute Gesetze. Wir haben allerdings den Eindruck, dass diese oft nicht ausreichend kontrolliert werden. So gibt es immer noch illegalen Guano-Abbau. So erteilen Behörden großzügige Fang-Genehmigungen, die zu Katastrophen wie bei Caleta Queule, Südchile führen. Auch in Algarrobo scheinen die Behörden ihre Pflicht zur Aufsicht nicht ausreichend wahrgenommen zu haben. Wir haben 2008 selbst erlebt und gefilmt wie ein japanisches Kamerateam in der Brutzeit auf der Insel gearbeitet hat. Die Aktion war offiziell genehmigt, die Filmarbeiten wurden aber von keiner Behörde überwacht. Nach unseren Beobachtungen hat die Crew mehr Störungen verursacht, als notwendig waren.

Wir fragen uns auch, ob es notwendig und sinnvoll ist, dem Zoo Santiago zu erlauben, Eier für die Aufzucht einer bedrohten Vogelart dem Freiland zu entnehmen. Es heißt, dies seien „verlassene“ Eier. Wer beobachtet ausreichend lange und stellt fest, dass die Eier wirklich verlassen sind ? Pinguin-Eltern bebrüten manchmal 1 bis 3 Tage die Eier nicht und setzen dann die Brut  erfolgreich fort (6). Wir halten die Entnahme von Eiern im Freiland nicht für erforderlich und vertretbar. Seit ein paar Jahren gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) und der Asociación Latinoamericana de Parques Zoológicos y Acuarios (ALPZA). Im Rahmen dieser Kooperation ist es möglich, Pinguine und auch Pinguin-Eier aus europäischen Zoos nach Santiago zu bringen. Dies wurde 2010 auch bereits erfolgreich praktiziert, als 20 Humboldt-Pinguine aus französischen Zoos nach Santiago kamen. Die Kooperation ist für alle ein Gewinn, da es in europäischen Zoos dank großer Aufzuchterfahrungen eine Überpopulation von Humboldt-Pinguinen gibt. Sphenisco e.V. ist gerne bereit, den Austausch zu unterstützen und mit Sr. Guillermo Cubillos, Biologe des Zoos in Santiago, der als Zuchtbuchführer für die Koordinadition zuständig ist, zusammenzuarbeiten. 

Insel AlgarroboNaturschutz durch Cofradia Nautica
Die Wahrheit ist das Ganze, deshalb sollte zum einen der Schutz der Humboldt-Pinguine in den richtigen Zusammenhängen diskutiert werden, zum andern darf nicht verschwiegen werden, dass die Cofradia Pinguine und Insel auch geschützt hat. Wir haben erlebt, dass
- der Zugang zur Insel korrekt überwacht wurde,
- Transporte kranker und schwacher Pinguine zur Auffang- und Rettungsstation des Naturkunde-
Museums in San Antonio veranlasst oder durchgeführt wurden,
- kranke Pinguine im Yachtclub gefüttert wurden, bis ein Transport nach San Antonio möglich war,
- im Schutz des Yachtclubs Pinguine aus San Antonio wieder ausgewildert wurden,
- Kinder und Besucher über die Pinguine und ihre Bedrohung angemessen informiert wurden.

Lieber öffentlich gemeinsam, als heimlich gegeneinander
Die Pinguine und die anderen Vögel waren schon da bevor die  Cofradia Nautica gegründet wurde. Das Natur-Monument Pájaros Niños und der Yachtclub müssen jetzt koexistieren. Es ist unvermeidlich, dass die zahlreichen flugfähigen Vögel Yachten und Gebäude beschmutzen. Diese Verschmutzung ließe sich durch verschiedenartige bewegliche Vogelabweiser (7) stark minimieren. Vogeleier und -nester zu zerstören, ist nicht nur ungesetzlich, sondern auch ineffektiv. Vögel können in Grenzen zerstörte Eier durch Nachgelege ersetzen. Vögel migrieren, sie fliegen dorthin, wo es Nahrung gibt und geeignete Plätze zum Brüten sind.



Anm.
(1) http://www.sphenisco.org
(2) Simeone, A., Luna-Jorquera, G. (2012)  Estimating rat predation on Humboldt Penguin colonies in north-central Chile. Journal of Ornithology 
(3) Kunstnester http://ambiental.unab.cl/etiqueta/ecosistema/
(4) http://www.soychile.cl/San-Antonio/Sociedad/2012/06/01/95424/San-Antonio-el-museo-confirmo-que-5600-aves-murieron-atrapadas-en-redes-de-pesca.aspx
http://www.soychile.cl/san-antonio/temas/avesmuertasensantodomingo/20/47469/
http://www.laopinon.cl/admin/render/noticia/19773
http://www.biobiochile.cl/2012/06/06/sernapesca-investiga-la-muerte-de-50-pinguinos-en-el-tabo.shtml
http://www.biobiochile.cl/2011/11/15/entre-2005-y-2010-han-muerto-mas-de-dos-mil-pinguinos-en-las-costas-chilenas.shtml
http://www.estrellavalpo.cl/prontus4_noticias/site/artic/20100630/pags/20100630150944.html
(5) Propuesta para la creación del Área marina y costera protegida de multiples usos la Higuera – isla Chañaral, Oceana
(6)  Yorio P, Boersma PD (1994) Consequences of nest desertion and inattendance for Magellanic penguin hatching success. Auk 111:215–218
(7) http://birdsoff.com.au/

 

   
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