Die Mauer von Punta San Juan

- Mao, Meer und Marktwirtschaft -

San Juan de Marcona, 7. Februar 2012.

„Companeros, Companeros, ... huelga, huelga (Streik, Streik)“ mehr verstehen wir nicht. Aus einem PKW mit Lautsprechern und Nationalflagge informieren die Bergarbeiter von San Juan de Marcona über den Beginn des Streiks in der Mine. 3.000 der 20.000 Einwohner arbeiten dort. Seit 20 Jahren baut die chinesische Firma Shougang hier Eisenerz ab. In dieser Zeit hat sie die Belegschaft halbiert, die Löhne stark gesenkt und die Produktion verdoppelt. Die Arbeit in der Mine gilt als gefährlich, die Versorgung der Arbeiter als schlecht, ihre giftigen Abwässer leitet die Firma ungeklärt ins Meer. Ganze Stadtviertel mit Werkswohnungen stehen leer, dem Verfall preisgegeben. Mit dem Streik wollen die Bergleute höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gegen Maos-Nachfolger durchsetzen.


FischerbooteDie kleinen Fischerboote im Hafen laufen nur noch selten aus. Die traditionellen Fischer streiken nicht, sie sind ausgesperrt bzw. haben sich selber ausgesperrt. Für sie ist das Meer verschlossen. Wie an der ganzen peruanischen Küste wurde auch das Meer vor San Juan de Marcona hemmungslos ausgebeutet. Locos, Fische, Fischeier, Algen, außerhalb der Schonzeiten holte jeder alles, was er einsammeln konnte. Fangquoten gab und gibt es nicht. Nur für Anchovis wurde nach dem Kollaps in den siebziger Jahren eine Quote eingeführt. Aktuell laufen deshalb fast nur noch größere Kutter und Fangschiffe aus, sie fischen ohne Managementplan und beliefern vor allem Fischfabriken. Auch in dieser für die kleinen Fischer nahezu hoffnungslosen Situation, greift der Staat nicht regulierend ein. Für die meisten der traditionellen Fischer ist das der Verlust ihrer Existenz, sie haben kaum Alternativen und versuchen, sich mit Gelegenheitsarbeiten durchzuschlagen oder kleine Restaurants zu eröffnen.

„Prohibido ingresar y orden de disparar“ (Zutritt verboten und Schießbefehl) steht auf der Mauer, sie ist 800 Meter lang, übeMauerr 2 Meter hoch, trennt das Kap von San Juan vom Land und schützt so das „Reserva Nacional Punta San Juan“. Wir stehen mit Señora Milagros und Señor Herbert, von Acorema vor dem Tor zum Nationalpark. Wir sind angemeldet, haben eine Genehmigung. Die Besuchserlaubnis beim zuständigen Ministerium zu erwirken, hat Señora Milagros viele Arbeit und Nerven gekostet. Als das Tor sich endlich öffnet, sehen wir große schwarze Flächen auf der sonst eher beige-weißen Halbinsel. 580.000 Guaney (Guano-Kormorane) brüten hier. So etwas haben wir noch nie gesehen. Der Projekt-Manager, der Biologe Marco Cardeñas, und Guardaparque führen uns in gehörigen Abständen zu den Tieren über die Halbinsel. Wir sehen mehrere Kolonien von Seebären und Seelöwen. Einige Machos liegen gemächlich auf den Felsen oder liefern sich kleine Kämpfe mit Rivalen, Weibchen wuscheln zwischen und auf den Felsen herum, schreien wie am Spieß. Daneben ein Fels mit Inka-Seeschwalben, auch sie brüten hier. Von Ferne, mit dem Spektiv auch ganz nah, sehen wir große Gruppen von Humboldt-Pinguinen. 2.500 Paare brüten hier, das ist die Hälfte der peruanischen Population. Marco Cardeñas berichtet, dass sie in zwei Bereichen den Pinguinen künstliche Nester angeboten haben, um den Bruterfolg zu unterstützen. In einem Bereich mit gutem Erfolg, in dem anderen funktionierte der Versuch dagegen überhaupt nicht, vermutlich wegen schlechterer Durchlüftung der Kunstnester.

Der BiologBesuchere berichtet auch, wie schwer es war, diesen wertvollen Lebensraum zu bewahren. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden vor der peruanische Küste Anchovis und Anchovetas so massiv abgefischt, dass die Populationen der Meeresvögel völlig einbrachen.  Seelöwen wurden damals so stark bejagt, dass auch diese Spezies in Peru fast ausgerottet war. Der Grund, ihr Fell war begehrt und Extrakte aus ihren Geschlechtsorganen galten und gelten vor allem in China und Japan als Potenzmittel. In dieser Situation haben Patricia Majluf und andere Meeresbiologen begonnen gegen heftige Widerstände, erst eine Kolonie von Seelöwen, später auch die Kolonie der Humboldt-Pinguine zu schützen. Punta San Juan wurde zum nationalen Schutzgebiet erklärt. Um die Brutplätze gegen Eindringlinge aller Art, Hunde, Katzen, Menschen, zu sichern, wurde die lange Mauer errichtet und der Park rund um die Uhr bewacht. Der Guano-Abbau wurde in einer Vereinbarung geregelt. Alle 7 bis 8 Jahre darf außerhalb der Brutzeiten Guano abgebaut werden. Den genauen Zeitpunkt können die Wissenschaftler mitbestimmen. 4 Wochen lang dürfen dann 300 Arbeiter einer staatlichen Firma auf der Halbinsel Guano einsammeln. Die Arbeiter müssen sich schriftlich verpflichten, Mindestabstände zu den Tieren und zu den Nestern einzuhalten, keine Tiere zu fangen und zu töten, nichts zu zerstören und keinen Müll zu hinterlassen. Überwacht werden die Arbeiter von rund 20 Kontrolleuren, Guardaparques, amerikanischen und peruanischen Volontären. Arbeiter, die gegen die Regeln verstoßen, werden fristlos entlassen. Weitere 4 Wochen sind die Arbeiter vor den Toren des Parks mit der Aufbereitung des Guano beschäftigt. Durch diese Schutzmaßnahmen haben sich die Populationen von Seelöwen, Pinguinen und anderen Meeresvögeln in Pt. San Juan erholt und auf niedrigem Niveau stabilisiert. Ein riesiger Erfolg, der vor allem Patricia Majluf und ihren Mitstreiter zu verdanken ist. Unterstützt wurden sie dabei seit vielen Jahren von den Zoos in San Louis, Philadelphia und Brookfield. Sie finanzieren drei Stellen für Biologen und organisieren Volontäre. Dieses Engagement wurde auch von der WAZA (Weltverband für Zoos und Aquarien) gewürdigt, die das Projekt San Juan schon vor Jahren als eines ihrer Artenschutz-Projekte anerkannte.

GuanoDie Praxis von Pt. San Juan gilt heute als beispielhaft für Peru, wo im Gegensatz zu Chile auf allen Inseln – auch in nationalen Schutzgebieten – Guano „nachhaltig“ abgebaut werden darf. Pflanzendünger mit Peru-Guano wird dann u.a. in Europa angeboten und mit dem nachhaltigen Abbau geworben. Ausdrücklich wird auf die großen Abstände und den Zeitpunkt des Abbaus -  Abwesenheit der Vögel – hingewiesen. Wie oft sind die Probleme komplex und kompliziert. Zum einen ist der Pazifik überfischt. Wenn die industrielle Fischerei nicht deutlich eingeschränkt wird, werden vor der Küste Perus bald auch keine „Industriefische“- Anchovis und Anchovetas – mehr zu fangen sein und die Populationen der Seevögel erneut einbrechen. Keine oder weniger Seevögel beutet auch, dass mit der „wertvollsten Kacke der Welt“ kein Geld mehr verdient werden kann. Zum anderen haben die Wissenschaftler und Naturschützer auf anderen Brutinseln in Peru weniger oder gar keinen Einfluss auf den Abbau und die Arbeiten werden nicht so intensiv überwacht wie in Pt. San Juan. Aber auch dort bleiben Zweifel, ob trotz des großen logistischen Aufwandes Schäden tatsächlich vermieden werden können. So ist z.B. für die Humboldt-Pinguine folgendes zu bedenken. Die Halbinsel ist ohne Vegetation, auch Felsen, unter denen die Pinguine brüten könnten, gibt es nicht. Um die Küken vor der Hitze zu schützen, gräbt der Humboldt-Pinguin Höhlen in den Guano. Wenn der fehlt, sinkt der Bruterfolg der vom Aussterben bedrohten Spezies. Vielleicht wurde auch deshalb versucht, Kunstnestern anzubieten.

So differenziert konnten wir die Probleme bei unserem Besuch nicht diskutieren. Marco Cardeñas hatte andere Anliegen. Er möchte die Schutz- und Forschungsarbeit in Pt. San Juan durch Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung ergänzen. Die Mauer schützt seit vielen Jahren nicht nur vor unwillkommenen Besuchern, sie verschließt auch die Naturschätze vor den Menschen in San Juan de Marcona und der ganzen Region Ica, macht den Nationalpark zur Terra incognita. Besuche sind nur mit behördlicher Genehmigung möglich und diese schwer zu bekommen. Der Biologe erkundigte sich deshalb sehr genau nach den Erfahrungen und Medien von Acorema und Sphenisco und entwickelte eigene Ideen. Beim Erfahrungsaustausch gab es keine Mauern, Acorema und Sphenisco werden Medien zur Umweltbildung zur Verfügung stellen und den Kontakt nach Pt. San Juan weiter pflegen.

W.K.

 

   
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