Ein Gruß von Georg von Humboldt-Dachroeden

Liebe Alexa und lieber Alex,

neulich las ich eine Geschichte von Eurem Verwandten, dem Königspinguin Jasper; und die ging so:

Vor noch nicht allzu langer Zeit wohnte Jasper mit seiner Familie am Südpol, wie das bei Pinguinen nun mal so üblich ist.

Wie aber Jasper in die Hafenstadt gelangte, kam so: Während sich die anderen Pinguinkinder im Wasser vergnügten, die Fische verjagten oder lernten, wie man das Wort »Schnee« buchstabiert, stand Jasper oft am Rande des großen Eises und schaute auf das Meer hinaus. »Gibt es auf der ganzen Welt wirklich nur Eis und Schnee, wie es die Pinguine seit Generationen erzählen?«, grübelte Jasper, während er in immer unbekanntere Gegenden watschelte.

Eines Tages passierte es.

Jasper hatte sich in seiner grenzenlosen Neugier zu weit an den Rand des  aufbrechenden Eises gewagt. Plötzlich krachte es hinter ihm gewaltig. Ehe er sich versah, stand Jasper auf einer Eisscholle, die ihn mit der Meeresströmung immer weiter in Richtung Horizont treiben ließ.

Nach dem ersten Schreck wurde Jasper schnell klar, dass das die Gelegenheit für die größte Entdeckungsreise seines Lebens war. So blieb er einfach auf der Scholle sitzen und wartete gespannt auf das, was als Nächstes passieren würde.

Nach einer abenteuerlichen Reise um die halbe Welt strandete Jasper schließlich im Hafen einer Stadt.

Er fand eine wohlig kalte Unterkunft im Keller eines Trödelladens, gleich neben einem ausrangierten Kühlschrank. Und da hier alles so neu und spannend war, beschloss Jasper erst einmal ein wenig zu bleiben.

Damit sich aber seine Familie keine Sorgen machen musste, berichtete er von nun an regelmäßig von seinen Erlebnissen und Beobachtungen aus der neuen Welt.

Und was eignet sich dafür besser als eine Flaschenpost...

Aus: Ahoi, jetzt kommt Jasper! von Gerlinde Godelmann und Eckart Fingberg, Frankfurt 2005 (ISBN 3-
8339-0472-0)


Diese nette Geschichte brachte mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken.
Denn sie erinnert mich an meinen Ur-Ur-Ur-Großonkel Alexander von Humboldt
und daran, wie er zum Forscher wurde.
Auch er war schon als Kind sehr neugierig und fragte sich, wie die Welt wohl
außerhalb der Sandhügel von Tegel aussähe. Er galt als Träumer, doch er strengte
sich an, diese Frage zu beantworten. Mit 14 zeichnete er eine Weltkarte der Alten
und der Neuen Welt und des Kopernikanischen Planetensystems. Er folgte seiner
Mutter und studierte Staatsverwaltung und studierte aber daneben das, was ihn
wirklich interessierte: Botanik und Mineralogie/Geologie. Neugierig auf unbekannte
Gegenden wanderte und reiste er als Student und auch als Bergbeamter gerne.
Neben den Menschen und ihre Arbeit interessierte er sich für fast alles: Moose,
Blumen, Bäume, Mineralien, Steinbrüche, Berge, Schiffe, Schmelzöfen, Maschinen,
Fabriken, Salz- und Kohlebergwerke und der Bau der Gebirge (Alpen). Zur
Überraschung seiner Mutter bewarb er sich zum Bergwerksstudium und bekam
dieses genehmigt inklusive der Zusage auf Anstellung im Ministerium für
Bergwerkswesen. Er wurde Bergwerksbeamter in Franken. Weil er sehr fleißig war,
wurde er im Beruf schnell befördert, so dass er nach 5 Jahren als hoher Beamter
(Oberbergrat) ausschied. Im Unterschied zu Jasper bereitete er sich danach fast 3
Jahre auf seine große Reise in die Tropen vor. Doch die Europäischen Staaten
führten Kriege gegeneinander und blockierten die Häfen. So konnte er den
europäischen Kontinent zunächst nicht verlassen.
Er wollte unbedingt eine große Forschungsreise unternehmen, aber er fand keinen
Weg. Zufällig, wie bei Jasper, begann dann seine Reise. Er bekam einen Pass, um
nach Spanien zu reisen. Schon die Reise durch Spanien wurde eine echte
Forschungsreise. Bei der Regierung hatte er Glück und lernte die richtigen Leute
kennen, die ihm eine Audienz beim Spanischen König verschaffen konnte. König
Carlos IV
war ein technikbegeisterter Mann und Alexander hatte die modernsten
und teuersten Geräte dabei (Vermessungsgeräte, Sextanten, Uhren, Fernrohre;
alles zusammen wog fast eine halbe Tonne!). So konnte er den König überzeugen,
dass seine Forschungen und sein Wissen über Bergwerke für den Spanischen
Staat gewinnbringend sein würden. So bekam er unter anderem den Auftrag, der
Regierung über den Zustand der Bergwerke in den spanischen Kolonien Bericht zu
erstatten. Damit konnte Alexander die Entdeckungsreise seines Lebens beginnen.
Eigentlich wollte Alexander zunächst nach Kuba, doch er landete in der Hafenstadt
Cumaná im heutigen Venezuela. Ähnlich wie Jasper, fand er hier eine gemütliche
Bleibe und beschloss, hier eine Weile zu bleiben. Von hier aus unternahm er die
abenteuerliche Reise auf dem Orinoko und dem Casiquiare (dem
Verbindungsfluss zwischen dem Orinoko und dem Amazonas). Sein Boot glich
einem botanischen Büro mit angeschlossenem Zoo (Mikroskop, etliche botanische
Lexika, Kisten voller Pflanzensammelbücher, 27 Tiere: Affen, Kolibris, Papageien,
Schildkröten, Schlangen …). Obwohl er und sein Freund Aimé Bonpland von
Moskitos, Ameisen und Piranhas geplagt wurden, schrieben sie alles, was sie
gesehen und erlebt haben, in mehreren Tagebüchern auf.
Damit seine Familie (vor allem der Bruder Wilhelm), seine Freunde und
Forscherkollegen sich keine Sorgen machen mussten und weil es auch so viel zu
erzählen gab, was noch nie jemand in Europa gesehen hatte, berichtete er – so gut
es ging – regelmäßig von seinen Erlebnissen und Beobachtungen aus der neuen
Welt. Nur, die Flaschenpost, die war ihm zu unsicher. So gab er die Briefe meistens
Reisenden mit. Diese wurden dann in Europa in den Zeitungen veröffentlicht.

Es gäbe noch so viel zu erzählen, denn die Amerikareise war nur eine von vielen
Reisen Alexanders. Und Geschichten von ihm oder über ihn gibt es so viele, dass
selbst Forscher nicht alle kennen. Deshalb kann jeder auf dieser Welt viel
Spannendes entdecken. Alexander hat uns gezeigt, dass man gar nicht genug
neugierig sein kann!

Euer Georg von Humboldt-Dachroeden

   
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